Im Davor und im Dazwischen

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Der Lattenzaun

Es war einmal ein Lattenzaun,
mit Zwischenraum, hindurchzuschaun.
Ein Architekt, der dieses sah,
stand eines Abends plötzlich da –
und nahm den Zwischenraum heraus
und baute draus ein großes Haus.
Der Zaun indessen stand ganz dumm,
Mit Latten ohne was herum.

Christian Morgenstern

Wir haben uns in den letzten Blogs mit der Mitte und dem Ganzen beschäftigt. Mit räumlichen Mitten und räumlichen Grenzen. Ein Element von Grenze ist die Unterbrechung für den Übergang aus einer Zone in eine andere. Wir sprechen von sogenannten Schwellen, die Räume öffnen und Zugänge organisieren. Auch das Leben schafft Übergänge von einer Gruppe zur anderen, von einer Situation zur anderen, von einer Lebensphase in eine andere.

In sieben Gedanken werden verschiedene Schwellensituationen beleuchtet.

Noch Raum oder schon Ort ?

Die Definitionen von Raum und Ort sind vielfältig. Dennoch braucht es zu Beginn des Blogs eine Ausgangslage. Ein textliches Davor, damit die Sache verständlicher wird.

Also beginnen wir mit dem Raum. Solch einer ist nicht nur eine ummauerte Stelle, sondern vielmehr das Resultat von Aktivitäten, die ihm einen Zweck verleihen. Der Raum ist also ein Ort, an dem man etwas macht. Durch das Tun manifestiert sich der Ort im Raum. Mit dem Ort erhält der Raum seine Funktion. Er stiftet Identität im Raum, der den Rahmen dafür bereithält.

Ein Beispiel für die Theorie: Die Räume eines leeren Hauses sind zuerst neutrale Räume. Erst durch die Einrichtung und Nutzung wird aus so einem neutralen Raum ein Schlafzimmer. Und daneben das Kinderzimmer. Und noch eines.

Identität und Beziehung

Mit der Bewegung von einem Ort zum anderen entsteht etwas Neues: der Zwischenraum. Jede Ortsveränderung impliziert demnach eine Bewegung im Zwischenraum. Erst durch die Bewegung zwischen zwei Orten werden diese zueinander in Beziehung gesetzt.

Um beim gleichen Beispiel zu bleiben: Durch die Bewegung der Eltern zwischen Schlafzimmer und Kinderzimmer öffnet sich der Zwischenraum, erhält Bedeutung und initiiert eine Beziehung zwischen den Räumen.

Ein zweites Beispiel: Der Gang durch die Räume einer Praxis öffnet mehrere Zwischenräume, die auf den Klienten wirken und Beziehungen zwischen Therapeut und Klient schaffen.

Die Gestaltung wird zur unterstützenden Aufgabe. Wie beispielsweise die Öffnungsrichtungen der Türen zwischen den Räumen. Diese können zu- oder abgewandt und damit verbindend oder trennend sein.

Schwellen sind Übergänge

An den Übergängen von Raum zu Raum haben sich die Schwellen angesiedelt. Als Überbrückung zweier Räume, ein Da­zwischen, Trennung von Sphären, innen oder außen, Auftakt und Ausklang, Grenze und Schranke. Der Schwellenraum ist alles zusammen, meist sogar gleichzeitig.

Das Phänomen der Schwelle lebt von der räumlichen Ambivalenz. Schwellen sind oft Ankündigungen und Auftakt für den Eingang zu Räumen. Sie sind in die Abfolge des Ankommens integriert und verzögern in ihrer bremsenden Wirkung den Ankommenden. In ihrer Ausdehnung oder in ihrer Addition können Schwellen Raum bilden.

Wechsel der Sphären

Gerade im Übergang vom Privaten zum Öffentlichen definieren sich zwei Sphären, die zentral für das Selbstverständnis der Menschen und der Gesellschaft sind. An der Schnittstelle von Innen und Außen findet ein Standpunkt- und Blickwechsel statt, der unser Handeln bestimmt. Kurzum: hier werden Identität und Differenz verhandelt.

Hier findet auch der Wechsel von unserer Privatsphäre zur Berufssphäre statt. Dies ist wichtig, damit wir uns einer guten Work-Life-Balance nähern können. Wer im Homeoffice oder in eigener Praxis zuhause arbeitet, für die oder den gilt das Gleiche an der Schwelle zur Büro- oder Praxistür: Es ist der Wechsel in eine andere Dimension und verlangt angemessenes Verhalten.

Schwellen lenken Energie

Mit der Existenz der Schwelle ist der Übergang manifestiert – ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht. Mit der Gestaltung der Schwelle aber lässt sich deren Aufgabe noch modifizieren. Hier lässt sich der Lebensenergiefluss lenken, beschleunigen oder bremsen. Hier kann Reinigung erfolgen, wie in den gotischen Trichterportalen. Oder Neugierde entsteht, Überraschung, „es tut sich etwas auf“, wie bei Wegeführungen in Dörfern oder Parks.

Schwellen sind Kommunikation.

Schwellen wirken nicht erst durch eingebaute Technik, sondern durch ihre pure Existenz. Sie gibt vielfältige Signale, kann einladend sein oder abweisend, schön oder hässlich. Sie öffnet sich und das Gebäude oder den Ort, oder sie verschließt es. Das alles tut sie, ob wir es wollen, planen und gestalten oder nicht. Das Gesetz, nach dem es unmöglich ist, nicht zu kommunizieren, gilt auch hier.

Die Schwelle offenbart viel über das, was hinter ihr liegt. Wir tun gut daran, die Sprache, die ein Eingang spricht, bewusst zu wählen. Oder die Sprache zu verstehen, wenn wir an fremde Orte kommen. Auch an Orte der Kraft in der Natur.

Sesam öffne dich … oder bleibe geschlossen

Schwellen werden in ihrer Funktion als räumliche Vermittler anschaulich: sie empfangen und entlassen …  Sie leben von der räum­lichen Ambivalenz zwischen Öffnung und Schließung und erzeugen zugleich die Erwartung auf das Kommende.  Schwellen geben uns die Möglichkeit des „Sichbesinnen“ und im räumlichen Kontext des „Sichfinden in seiner Umgebung“. Dies möglich zu machen ist eine wesentliche Aufgabe in der Raumgestaltung.

Und zum Schluss: Ein Schwellenritual

Ein Schwellenritual hilft dir und dem Ort, sich auf die Begegnung einzustimmen. Eine Schwelle markiert den Übergang von einer Wahrnehmungsebene in eine andere.

Vorbereitung:

Stehe still und entspannt, Füße schulterbreit und fest am Boden. Löse dich langsam von deinen Gedanken. Deine Aufmerksamkeit konzentriert sich auf deinen Körper, deinen Atem, die Luft, die Temperatur, die dich umgibt. Du nimmst mehr und mehr das wahr, was jetzt im Augenblick geschieht. Du stimmst dich auf dich und dein DA SEIN ein. Du lässt alles zurück und fühlst deine PRÄSENZ.

Vor der Schwelle:

Halte vor der Schwelle. Bin ich willkommen? Schließe die Augen und mache dir deine Anliegen bewusst. Bitte um Begleitung und Unterstützung. Öffne nun deine Augen und mache einen kräftigen und bewussten Schritt über die Schwelle nach vorne.

Nach der Schwelle:

Halte nach der Schwelle nochmals inne und erkläre, wer du bist und welche Absicht du mit deinem Besuch verfolgst. Bitte um einen Schlüssel, der dir helfen wird, die Geheimnisse des Ortes zu lüften. Öffne die Hände und warte auf ein Gefühl, ein Bild oder eine Einsicht. Bedanke dich, sei aufmerksam und versuche herauszufinden, wie du den Schlüssel in deinem Weitergehen verwenden kannst.

Am Rückweg:

Wenn du den Ort verlässt, mache an der Grenze wieder ein Schwellenritual. Bleibe vor der Schwelle Stehen, schließe die Augen und lasse die Erlebnisse noch einmal vorüberziehen. Bedenke dich für die Erkenntnisse am Ort oder am Weg, für die Unterstützung und Hilfe. Öffne die Augen und mache überschreite die Schwelle und Liebe und Dankbarkeit.

Bassena-Gespräche mit Susanna Jahrmann, Episode 53

Mag. Wolfgang Strasser
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